KNX-Programmierung auslagern
Geprüft von Alexandru Andronic (Siemens SITRAIN)·Stand:
Die Installation der KNX-Busteilnehmer und der Aktorik im Verteilerbau gehört zum Standardrepertoire vieler Elektrobetriebe. Die anschließende ETS-Programmierung erfordert jedoch spezifisches Software-Wissen, aktuelle Lizenzen und kontinuierliche Praxis. Fehlt die Auslastung für einen eigenen Vollzeit-Systemintegrator, ist es oft effizienter, die KNX-Programmierung extern zu vergeben.
Dieser Artikel richtet sich an Inhaber und Projektleiter von Elektroinstallationsbetrieben, die gewerbliche oder industrielle KNX-Projekte umsetzen. Er zeigt auf, welche Unterlagen für eine reibungslose Übergabe an einen Subunternehmer nötig sind, wie die gemeinsame Inbetriebnahme abläuft und mit welchen vertraglichen Vereinbarungen Sie den Kundenschutz und die Nutzungsrechte an der ETS-Projektdatei sicherstellen.
Wann ist das Auslagern der KNX-Programmierung wirtschaftlich?
Der Aufbau eigener KNX-Programmierkompetenz ist an laufende Investitionen gebunden. Eine ETS Professional Lizenz unterstützt unbegrenzt viele Projekte und Teilnehmer. Ob diese Edition zwingend erforderlich ist, hängt von der Projektanzahl und der Gerätezahl ab. Für kleinere Vorhaben genügen teils limitierte Editionen wie die ETS Lite (bis 20 Geräte je Projekt) oder die ETS Home (ein Projekt, bis 64 Geräte).
Für regelmäßige oder umfangreiche gewerbliche Projekte ist die Professional-Version jedoch der Standard und verursacht Anschaffungs- und Update-Aufwände. Setzt ein Betrieb nur wenige umfangreiche KNX-Projekte pro Jahr um, fehlt dem Inhouse-Monteur oft die Routine. Ein externer Programmierer, der täglich mit der ETS arbeitet, parametriert komplexe Verknüpfungen routinierter. Das Auslagern wandelt fixe Schulungs- und Lizenzaufwände in variable, projektspezifische Posten um.
Unterlagen für die Anfrage: Was der Programmierer braucht
Eine präzise Kalkulation und eine fehlerfreie Offline-Parametrierung stehen und fallen mit der Qualität der Vorabinformationen. Ein Pauschalangebot auf Zuruf ist im gewerblichen Umfeld nicht seriös. Die folgenden Dokumente bilden die Grundlage für die Zusammenarbeit.
| Dokument / Daten | Erforderlicher Detaillierungsgrad | Zweck für die Programmierung |
|---|---|---|
| Geräte- und Stückliste | Exakte Hersteller und Artikelnummern aller KNX-Komponenten. | Auswahl der korrekten Applikationsprogramme (.knxprod im ETS-Katalog; ältere .vd-Formate nur als Legacy-Import). |
| Raumbuch / Funktionsliste | Matrix: Welcher Taster/Sensor steuert welche Leuchte/Jalousie/Heizzone? | Verknüpfung der Kommunikationsobjekte; Definition der Szenen und Zentralfunktionen. |
| Grundrisse und Pläne | Anordnung der Sensorik (Präsenzmelder, Taster) und Aktorik; Verteilerpläne. | Vergabe einer logischen physikalischen Adressstruktur (z. B. Bereich.Linie.Teilnehmer). |
| Netzwerktopologie | IP-Adresskreis des Endkundennetzes, geplante IP-Router und Linienkoppler. | Einrichtung des KNXnet/IP-Routings und Sicherstellung der Fernwartbarkeit. |
| Bestandsdaten (bei Erweiterung) | Exportierte ETS-Projektdatei (.knxproj) der bestehenden Anlage. | Vermeidung von Adresskonflikten; Integration neuer Komponenten in bestehende Linien. |
Achtung bei ETS-Versionen
Klären Sie vorab, welche ETS-Version auf beiden Seiten genutzt wird. Eine Projektdatei (.knxproj), die in der ETS6 erstellt oder bearbeitet wurde, lässt sich nicht in eine ETS5 importieren. Da der erweiterte Support für die ETS5 Ende Dezember 2025 ausgelaufen ist, ist es ratsam, unveränderte ETS5-Stände zu archivieren und für Neuprojekte oder Erweiterungen eine unterstützte ETS6-Version zu vereinbaren.
Ablauf: Von der Vorab-Parametrierung bis zur Inbetriebnahme
Um die Zeit auf der Baustelle zu minimieren, wird der Großteil der Programmierung am Schreibtisch erledigt. Die physische Inbetriebnahme (IBN) erfolgt dann in enger Taktung zwischen dem Monteur vor Ort und dem Programmierer.
- Topologie und Adressierung: Der Programmierer legt in der ETS die Gebäudestruktur, Linien und physikalischen Adressen an. Es entsteht ein Adressplan, nach dem der Monteur die Geräte beschriftet.
- Offline-Parametrierung: Erstellung aller Gruppenadressen, Parametrierung der Aktorkanäle und Tasterfunktionen auf Basis des Raumbuchs.
- Programmierung der physikalischen Adressen: Auf der Baustelle versetzt der Monteur die Geräte klassisch über die Programmiertaste in den Programmiermodus. Bei Geräten, die die KNX-Seriennummernfunktion unterstützen und deren Seriennummer im Projekt hinterlegt ist, kann die ETS6 die individuelle Adresse auch ohne manuellen Tastendruck zuweisen.
- Applikations-Download: Sobald alle Teilnehmer ihre Adresse haben, überträgt der Programmierer die Applikationsprogramme in die Geräte. Dieser Vorgang kann teils automatisiert oder via KNXnet/IP remote erfolgen.
- Funktionstest (Punkt-zu-Punkt): Monteur und Programmierer prüfen gemeinsam jeden Sensor und Aktor auf korrekte Zuordnung und Funktion.
Vertragsfragen: Kundenschutz und ETS-Projektübergabe
Wenn ein externer Spezialist auf die Baustelle geholt wird, müssen die Rollen und Nutzungsrechte vorab vertraglich geregelt sein. Mündliche Absprachen reichen bei gewerblichen Projekten nicht aus.
| Vertragsaspekt | Warum wichtig? | Umsetzung in der Praxis |
|---|---|---|
| Geheimhaltung und Kundenschutz | Ein NDA (Geheimhaltungsvereinbarung) schützt vertrauliche Projektdaten. Ein Abwerbeschutz verhindert, dass der Subunternehmer den Endkunden direkt akquiriert. | Der externe Partner unterzeichnet vor Projekteinsicht ein NDA sowie eine ausdrückliche, rechtlich geprüfte Abwerbe- oder Umgehungsschutzklausel. |
| Auftreten beim Endkunden | Wahrt das Gesicht des Elektrobetriebs als Generalunternehmer. Der Kunde behält einen einheitlichen Ansprechpartner. | Der Programmierer tritt auf der Baustelle im Namen des Auftraggebers auf; keine Verteilung eigener Visitenkarten. |
| Nutzungs- und Bearbeitungsrechte | Ohne die aktuelle Projektdatei (.knxproj) kann die Anlage später weder sicher gewartet noch effizient erweitert werden. | Vertragliche Zusicherung über die Herausgabe der aktuellen, bearbeitbaren .knxproj-Datei inklusive aller Projektpasswörter und Secure-Zugangsdaten. |
| Dokumentation | Notwendig für die Anlagenübergabe und spätere Fehlersuche. | Lieferung von ETS-Reports (Gruppenadressen, Topologie) als PDF zur Nachvollziehbarkeit für den Betreiber. |
Typische Konfliktpunkte während der Bauphase vermeiden
Hardware-Änderungen verschweigen
Programmierbare KNX-Funktionsgeräte verwenden in der Regel ein produkt- beziehungsweise applikationsspezifisches Programm (es gibt auch Geräte ohne Applikation). Werden während der Installation kurzfristig andere Aktortypen eingebaut, muss der Programmierer informiert werden. Fällt der Hardware-Tausch erst bei der Inbetriebnahme auf, sind Applikation, Parameter und Objektzuordnungen neu zu prüfen.
Bei kompatiblen Geräten kann die separat lizenzierbare ETS-App 'Replace Device' (Gerät ersetzen) Eigenschaften und Gruppenadresszuordnungen übernehmen. Ein vollständiger Neuaufbau der Programmierung ist somit nicht immer erforderlich, die unangekündigte Änderung kostet aber dennoch wertvolle Prüf- und Diagnosezeit.
Schleichende Funktionserweiterungen
Endkunden haben bei Begehungen oft spontane Änderungswünsche. Wenn der externe Programmierer solche Wünsche direkt auf Zuruf umsetzt, verliert der Elektrobetrieb die Kontrolle über das Projektbudget. Vereinbaren Sie vorab einen festen Planungsabschluss (Design Freeze). Alle Funktionsänderungen, die danach anfallen, müssen als formeller Change Request über den Projektleiter des Elektrobetriebs laufen.
Unklare Zuständigkeiten bei der Fehlerdiagnose
Funktioniert ein Lichtkreis nicht, muss geklärt werden, ob ein Hardware- oder Softwarefehler vorliegt. Der Programmierer kann über den ETS-Gruppenmonitor prüfen, ob ein Telegramm auf dem Bus gesendet und quittiert wurde. Bei Gruppentelegrammen beweist die Quittierung allein jedoch nicht, dass der vorgesehene Aktor den Befehl verarbeitet hat. Für eine belastbare Aussage sind zusätzlich Statusobjekte, Gerätediagnosen und ein Funktionstest vor Ort erforderlich.
Häufige Fragen
Kann der externe Programmierer die Anlage komplett remote in Betrieb nehmen?
Bei klassischen Inbetriebnahmen muss eine Person vor Ort die Programmiertasten drücken. Kommen jedoch Geräte zum Einsatz, die die KNX-Seriennummernfunktion unterstützen und deren Nummer im Projekt hinterlegt ist, kann die ETS6 die Adressierung auch ohne manuellen Tastendruck vornehmen. Sobald die physikalischen Adressen vergeben sind, lassen sich Applikations-Downloads und Anpassungen über eine sichere VPN-Verbindung und einen KNXnet/IP-Router remote durchführen.
Reicht ein PDF-Ausdruck der ETS-Programmierung für die Anlagenübergabe?
Nein. Grundlegende Busdiagnosen sind zwar auch ohne Projekt möglich, wegen fehlender Bezeichnungen und Datentypinformationen jedoch extrem eingeschränkt. Für sichere und effiziente Änderungen, Diagnosen oder Erweiterungen ist die digitale, bearbeitbare ETS-Projektdatei (.knxproj) unverzichtbar. Sie muss zwingend übergeben werden.
Wer haftet bei Fehlfunktionen in der Gebäudeautomation?
Die vertraglichen Haftungspflichten richten sich nach den jeweils vereinbarten Grundlagen (z. B. BGB oder VOB/B). Gegenüber dem Endkunden steht im Regelfall der beauftragte Elektrobetrieb in der Verantwortung. Im Innenverhältnis richten sich die Pflichten des Subunternehmers (Programmierers) nach dem vertraglich vereinbarten Leistungsumfang. Eine exakte Funktionsbeschreibung vor Beginn ist der wichtigste Baustein für reibungslose Abläufe.
Grundlagen & Quellen
- KNX Association - ETS Editionen und Begrenzungen – Übersicht zu den ETS6-Versionen, Projektbegrenzungen und Teilnehmerzahlen.
- KNX Association - Applikationsprogramme importieren – Vorgaben zur Verwendung aktueller .knxprod-Dateien und dem Legacy-Import älterer Formate.
- KNX Association - ETS Lifecycle – Informationen zum Lebenszyklus von ETS-Versionen und dem Ende des erweiterten Supports für ETS5.
- KNX Association - Gerät ersetzen in der ETS – Dokumentation zur Übernahme von Eigenschaften und Gruppenadressen bei Hardware-Wechseln.
- KNX Association - Download-Funktionen und Seriennummern – Voraussetzungen für die Zuweisung physikalischer Adressen über hinterlegte Seriennummern.