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Profibus messen: Widerstand, Buspegel, Schirmung

Geprüft von Alexandru Andronic (Siemens SITRAIN)·Stand:

Die Eingrenzung von Profibus-Störungen anhand von Diagnosepuffern und LED-Zuständen liefert wertvolle Indizien auf Applikationsebene. Liegt der Fehler jedoch in der Physik des Netzwerks, etwa durch Leitungsbrüche, gealterte Stecker oder EMV-Einflüsse, hilft nur die systematische Messung am Buskabel.

Dieser Artikel liefert die Referenzwerte auf Messebene: Wie Instandhalter den Abschlusswiderstand zwischen Pin 3 und 8 bewerten, die Schirmdurchgängigkeit prüfen und ab wann der Buspegel zwingend mit einem Oszilloskop bewertet werden muss.

Vorbereitung: Der korrekte Messaufbau

Widerstandsmessungen im Profibus-Netzwerk dürfen ausschließlich im spannungsfreien Zustand erfolgen. Eine anliegende Spannung, selbst der Ruhepegel der aktiven Terminierung, verfälscht die Messergebnisse des Multimeters massiv und kann das Messgerät beschädigen.

Für einen systematischen PROFIBUS-Kabeltest nach den Richtlinien der PROFIBUS Nutzerorganisation (PI) reicht das bloße Abziehen des Steckers an der SPS nicht aus. Eine Messung mit angeschlossenen Teilnehmern ist höchstens ein orientierender Schnelltest. Der saubere Ablauf sieht wie folgt aus:

  1. Anlage oder betroffenen Busstrang nach den 5 Sicherheitsregeln spannungsfrei schalten und gegen Wiedereinschalten sichern.
  2. Alle Teilnehmer physikalisch vom Kabel trennen.
  3. Sämtliche Busabschlüsse im Segment deaktivieren bzw. abtrennen.
  4. Kurzschluss, Unterbrechung und Schleifenwiderstand nach PI-Prüfablauf getrennt voneinander kontrollieren.
  5. Erst im Anschluss exakt zwei Abschlüsse zuschalten und den resultierenden Gesamtwert prüfen.

Messpunkte am D-Sub-Stecker und Verpolung

Gemessen wird bei RS485-basiertem Profibus DP primär zwischen Pin 3 (RxD/TxD-P, Aderfarbe Rot, Leitung B) und Pin 8 (RxD/TxD-N, Aderfarbe Grün, Leitung A). Die Adern A und B dürfen im gesamten Netzwerk niemals getauscht werden – eine strikte farbliche Konsistenz ist zwingend erforderlich.

Widerstandsmessung A-B (Terminierung prüfen)

Ein RS-485-Segment muss an seinen physikalischen Enden durch exakt zwei wirksame, dauerhaft versorgte Abschlussnetzwerke terminiert sein. Ob ein Terminierungsschalter am Stecker gleichzeitig das abgehende Kabel trennt und ob der Abschluss bei abgeschaltetem Teilnehmer weiterhin versorgt bleibt, ist geräte- und steckerspezifisch.

Die vom Multimeter ermittelten Widerstandswerte sind Indikatoren, aber keine eindeutigen Diagnosen. Sie beweisen weder die Integrität des gesamten Segments noch eine einzelne Fehlerursache. Für eine belastbare Diagnose muss der Schleifenwiderstand separat gemessen werden und wird nicht einfach auf den 110-Ohm-Wert aufaddiert.

Typische Indikatorwerte der Widerstandsmessung (Pin 3 gegen Pin 8) je nach Messzustand
Messwert (A-B)Voraussetzung / AnlagenzustandNetzwerkstatus / Indikator
O.L. (unendlich)Alle Teilnehmer getrennt, alle Abschlüsse ausGutes Vorzeichen: Kein Kurzschluss zwischen Ader A und B vorhanden.
< 10 Ohm (Tendenz 0)Alle Teilnehmer getrennt, alle Abschlüsse ausFehler: Kurzschluss zwischen Ader A (Grün) und Ader B (Rot).
~ 110 OhmExakt zwei Abschlüsse zugeschaltetRegelfall: Mit einer kurzen Leitung und exakt zwei elektrisch sichtbaren Abschlussnetzwerken vereinbar.
~ 220 OhmExakt zwei Abschlüsse zugeschaltetFehlerverdacht: Unter idealen Bedingungen ist nur ein Abschluss sichtbar (z. B. fehlende Aktivierung oder Leitungsbruch).
~ 73 Ohm / ~ 55 OhmExakt zwei Abschlüsse zugeschaltetFehlerverdacht: Drei (~ 73 Ohm) oder vier (~ 55 Ohm) Abschlüsse sind parallel wirksam (häufig bei falscher Segmentverbindung).

Isolation gegen den Schirm

Zur Prüfung auf Erdschluss wird der Widerstand von Pin 3 und Pin 8 gegen das Steckergehäuse (Schirm) bei deaktivierten Abschlüssen und abgetrennten Teilnehmern gemessen. Der Sollwert lautet in beiden Fällen O.L. (unendlich hochohmig). Ein Wert im messbaren Bereich deutet auf einen Isolationsfehler hin.

Schirmdurchgängigkeit und Potenzialausgleich

Ein intakter Schirm schützt das RS485-Differenzsignal vor externen EMV-Störeinflüssen. Frequenzumrichter sind dabei eine häufige mögliche Störquelle im industriellen Umfeld.

Wird der Schirmwiderstand (Steckergehäuse zu Steckergehäuse) per Multimeter gemessen, existiert kein universeller Richtwert im einstelligen Ohmbereich. Die Bewertung des Schirmwiderstands hängt stark von der Leitungslänge, der Konstruktion und parallelen Potenzialausgleichsverbindungen ab. Die EMV-Wirksamkeit wird zudem maßgeblich von einer hochfrequenten, großflächigen Schirmanbindung bestimmt.

Der Schirm der Profibus-Leitung darf nicht die Aufgabe des Potenzialausgleichs übernehmen. Fließen Ausgleichsströme über den Kabelschirm, induzieren diese Störspannungen direkt auf die Datenadern.

Schirmströme bewerten

Einzelne Diagnoseanbieter nennen 40 mA als Praxisorientierung für Signalkabel. Die PI (PROFIBUS Nutzerorganisation) legt daraus jedoch keinen universellen Grenzwert fest. Schirmströme sind frequenzaufgelöst, gegen die Anlagenbaseline und immer im Zusammenspiel mit dem Potenzialausgleich und der Schirmanbindung zu bewerten.

Buspegel: Multimeter vs. Oszilloskop

Die Diagnose im laufenden Betrieb erfordert unterschiedliche Messmethoden. Mit einem DC-Multimeter lässt sich lediglich der Ruhepegel (Bias) des Busses bei Anlagenstillstand überprüfen.

  • DC-Messung im Stillstand: Im Ruhezustand erzeugt das versorgte Abschlussnetzwerk eine theoretische Differenzspannung von ca. 1,0 bis 1,1 V DC zwischen Pin 3 (B) und Pin 8 (A).
  • Dies ist ein reiner Indikator und ersetzt keine Signalanalyse.

Aktive Signale am Oszilloskop

Bei laufender Datenübertragung wechseln die Spannungspegel im Mikrosekundenbereich. Das Multimeter zeigt hier nur einen unbrauchbaren Mischwert. Nach der PI-Messmethode mit dem Oszilloskop liegt die typische High-to-Low-Signaldifferenz des aktiven B/A-Signals bei 4 bis 7 V.

Abweichende Signalpegel können auf Kontakt- oder Leitungsprobleme hindeuten. Sie können jedoch ebenso durch die Leitungslänge, Dämpfung, Topologie, die Terminierung oder den Sender des Teilnehmers selbst verursacht werden.

Setzt man einen dedizierten Busanalyzer ein, ordnet dieser die Telegrammqualität einer Teilnehmeradresse zu. Dies beweist jedoch nicht zwingend, dass die Station selbst die Fehlerursache ist – auch ein defekter Stecker, das Kabel oder die Topologie in diesem Bereich kommen infrage.

Grenzwerte: Maximale Leitungslängen je Baudrate

Ein physikalisch fehlerfreies Kabel kann dennoch zu Kommunikationsabbrüchen führen, wenn Segmentlängen oder Teilnehmerzahlen überschritten werden. Pro RS-485-Segment sind maximal 32 Teilnehmer zulässig. Repeater und DP/PA-Koppler zählen als eigene Teilnehmer, wobei ein Repeater ein neues physikalisches Segment eröffnet.

Maximale Profibus-Segmentlänge (Kupfer, Kabeltyp A) abhängig von der Übertragungsrate
BaudrateMaximale Länge pro Segment
9,6 kbit/s bis 93,75 kbit/s1.200 m
187,5 kbit/s1.000 m
500 kbit/s400 m
1,5 Mbit/s200 m
3,0 Mbit/s bis 12,0 Mbit/s100 m (Keine externen Stichleitungen einplanen)

Das Messprotokoll: Stichpunkt-Doku je Segment

Für eine saubere Bestandsaufnahme und spätere Fehlersuche empfiehlt es sich, die physikalischen Ist-Zustände jedes Segments einmalig sauber zu dokumentieren. Werden bei einer späteren Störung abweichende Werte gemessen, ist der Fehler oft schnell eingegrenzt.

  • Segment-Identifikation (Von Master-Schnittstelle X bis Repeater Y).
  • Eingestellte Baudrate am Master und Abgleich mit tatsächlicher Segmentlänge.
  • Widerstand A-B bei abgetrennten Teilnehmern und deaktivierten Abschlüssen (Prüfung auf Kurzschluss/Unterbrechung).
  • Schleifenwiderstand des nackten Kabels nach PI-Methode.
  • Widerstand A-B mit exakt zwei zugeschalteten Terminierungen.
  • Gemessener Ruhepegel (ca. 1,0 – 1,1 V DC) im spannungsführenden Stillstand.

Beachten Sie stets die Befugnisse im Betrieb: Das Ablesen externer Indikatoren und zugelassener Diagnosen obliegt dem Betreiber. Schaltschrankeingriffe, Umverdrahtungen oder das Schalten von Terminierungen erfordern benanntes, qualifiziertes Personal und ein sicheres Vorgehen.

Häufige Fragen

Warum messe ich am Profibus-Stecker 220 Ohm statt 110 Ohm?

Ein Messwert von ca. 220 Ohm zwischen Leitung A und B deutet unter idealen Bedingungen darauf hin, dass im betrachteten Segment nur ein einziger Abschlusswiderstand elektrisch sichtbar ist. Dies kann an einem vergessenen Schalter, einem defekten Stecker oder einem Aderbruch liegen. Eine belastbare Diagnose erfordert jedoch weitere Messungen des Schleifenwiderstands.

Darf ich die Profibus-Leitung unter Spannung durchmessen?

Nein, Widerstandsmessungen mit dem Multimeter müssen zwingend an der spannungsfreien Anlage durchgeführt werden. Anliegende Spannungen verfälschen die Widerstandsmessung und können im schlimmsten Fall das Messgerät beschädigen.

Warum reicht ein Multimeter bei sporadischen Busausfällen oft nicht aus?

Ein DC-Multimeter kann nur den statischen Ruhepegel (ca. 1,0 bis 1,1 V) abbilden. Es ist zu träge, um hochfrequente RS485-Signale zu erfassen. Die aktive Signaldifferenz von 4 bis 7 V, transiente Störungen, Reflexionen oder Kantenverschleifungen sind nur mit einem Oszilloskop oder Busanalyzer bewertbar.

Grundlagen & Quellen