S7-Abkündigung & TIA-Migrationspfade
Geprüft von Alexandru Andronic (Siemens SITRAIN)·Stand:
Die SIMATIC S7-300 ist abgekündigt und seit Oktober 2025 typgestrichen; bei der S7-400 hängt der Lifecycle-Status von CPU, Baugruppe und Bestellnummer ab. Was das für eine Bestandsanlage bedeutet, hängt von Ersatzteillage, Programmstand und Anlagenrisiko ab – nicht vom Kalender allein. Diese Referenz fasst Status, Migrationspfade und Entscheidungskriterien zusammen.
Wie ist der Abkündigungs-Status von S7-300 und S7-400?
Siemens wickelt Produktfamilien in definierten Phasen ab: Ankündigung des Produktauslaufs, Vertriebsende (Abkündigung) und danach eine begrenzte Phase der Ersatzteilversorgung. Für die klassischen S7-Familien gilt derzeit:
| Produktfamilie | Produktphase | Ersatzteilverfügbarkeit |
|---|---|---|
| SIMATIC S7-300 | Produktauslauf seit 1. Oktober 2023, Typstreichung zum 1. Oktober 2025 | Ersatzteilverfügbarkeit derzeit bis 1. Oktober 2033 geplant; einzelne Baugruppen können früher enden oder nur als Reparatur-/Austauschteil lieferbar sein – Status je Bestellnummer (MLFB) prüfen |
| SIMATIC ET 200M (S7-300-Baugruppenspektrum) | Abkündigung im Zuge des S7-300-Auslaufs (Termine je Baugruppe) | Analog zur S7-300-Familie bis 1. Oktober 2033 geplant; Einzelkomponenten ggf. früher |
| SIMATIC S7-400 | Lifecycle-Status abhängig von CPU, Baugruppe und Bestellnummer – einzelne Bestellnummern sind in unterschiedlichen Phasen; S7-400H/FH positioniert Siemens weiterhin mit Verfügbarkeit über 2035 hinaus | Keine pauschale Aussage möglich – konkrete MLFB im Siemens-Lifecycle-Status (SiePortal) prüfen |
| WinCC flexible 2008 | Produktauslauf seit 1. Oktober 2022; Typstreichung derzeit für 1. Oktober 2027 vorgesehen – noch nicht typgestrichen | Projektierung läuft aus; Panel-Verfügbarkeit je Typ unterschiedlich |
Verbindlich sind die Produktmitteilungen im Siemens Industry Online Support – Termine gelten je Bestellnummer und können sich ändern. Angaben oben: Orientierung, Stand August 2026.
Was bedeutet die Abkündigung praktisch?
Ersatzteil-Realität
Solange das Ersatzteilfenster läuft, sind viele Baugruppen weiter lieferbar – aber nicht alle, nicht dauerhaft und teils mit langen Lieferzeiten. Danach bleibt der Broker- und Gebrauchtmarkt: Herkunft, Lagerbedingungen und Restlebensdauer der Teile sind dort selten belegbar.
Wer eine S7-300/400 weiterbetreibt, sollte die kritischen Baugruppen (CPU, Stromversorgung, Spezialbaugruppen) bevorraten und den Programmstand gesichert im Archiv haben – inklusive der Frage, ob das Archiv wirklich dem Stand auf der CPU entspricht.
Reparatur-Risiko
Einzelne Baugruppen lassen sich oft reparieren, das Thema ist die Zeit: Wiederbeschaffung oder Reparatur dauert im Störfall Tage bis Wochen, nicht Stunden. Dazu kommt die Werkzeugkette – STEP 7 V5.x und WinCC flexible laufen auf aktueller IT nur noch mit Aufwand, und das Wissen um Altanlagen dünnt personell aus. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Planungsfaktor.
Welche Migrationspfade gibt es?
Für die gängigen Konstellationen haben sich folgende Zielsysteme etabliert:
| Bestand | Zielsystem | Anmerkung |
|---|---|---|
| S7-300 | S7-1500, Peripherie ET 200MP oder ET 200SP | Programmübernahme über die TIA-Migration; bestehende ET 200M kann übergangsweise als PROFIBUS-Peripherie weiterlaufen, solange Teile verfügbar sind. |
| S7-400 | S7-1500, verteilte Peripherie ET 200SP | S7-1500R/H ist kein universeller 1:1-Nachfolger für H/FH-Systeme – die Auswahl richtet sich nach Redundanzkonzept, Safety, PCS-7-Einbindung, Performance und IO-Anforderungen und gehört in die Bestandsaufnahme. |
| WinCC flexible (Panels) | WinCC Comfort bzw. WinCC Unified | Bilder und Variablen werden migriert; Skripte und Sonderobjekte sind nachzuarbeiten – bei Unified ist die Skriptsprache eine andere. |
| Klassisches Safety (z. B. Distributed Safety, S7-300F) | F-System: S7-1500F mit STEP 7 Safety im TIA Portal | F-Programm wird migriert bzw. neu erstellt; nach einer CPU-Migration ist laut Siemens die verkürzte Änderungsabnahme nicht zulässig – es ist eine Systemabnahme mit Validierung jeder betroffenen Sicherheitsfunktion erforderlich. |
Was umfasst eine Migration wirklich?
„Programm konvertieren und CPU tauschen“ beschreibt den kleinsten Teil der Arbeit. Ein belastbares Migrationsprojekt besteht aus vier Blöcken:
1. Bestandsaufnahme
Hardware-Inventar (CPU, Baugruppen, Firmware-Stände), IO-Listen, Fremdgeräte am Bus samt GSD-Dateien, Doku-Lücken – und der Abgleich, ob der letzte Stand auf der CPU mit dem Archiv übereinstimmt. Ohne diesen Schritt ist jede Aufwands- und Terminaussage geraten.
2. IO-Mapping
Entscheidung je Station: Peripherie erneuern oder weiterbetreiben. Beim Erneuern ist die Umverdrahtung der eigentliche Zeitfaktor; je nach Baugruppe existieren Adapterlösungen, die den Frontstecker-Umbau verkürzen.
3. Programm-Konvertierung – und ihre Grenzen
Die TIA-Migration übernimmt viel, aber nicht alles. Typische Nacharbeit:
- Systembausteine (SFC/SFB) ohne 1:1-Ersatz müssen auf neue Anweisungen umgestellt werden.
- Absolute Adresszugriffe und Pointer-Konstrukte aus AWL-Beständen brauchen Handarbeit.
- Know-how-geschützte Bausteine ohne Quellen lassen sich nicht migrieren – Neuerstellung.
- Undokumentierte Änderungen fallen erst im Online-/Offline-Vergleich auf und kosten Analysezeit.
4. Test und Inbetriebnahme-Fenster
IO-Check Signal für Signal, Funktionstest je Betriebsart, Probelauf unter Produktionsbedingungen – geplant in einem abgestimmten Stillstandsfenster, mit Rückfallebene: Die Altsteuerung bleibt rückrüstbar, bis die neue Steuerung abgenommen ist.
Retrofit jetzt oder später?
Die Frage entscheidet sich nicht am Abkündigungsdatum, sondern an vier Kriterien:
| Situation | Einordnung |
|---|---|
| Produktionskritische Anlage, keine geprüfte Ersatz-CPU am Lager | Migration aktiv einplanen. Bis dahin: Ersatzteile bevorraten, Programmarchiv sichern und verifizieren. |
| Wiederkehrende Störungen an Steuerung oder Peripherie | Erst Ursache eingrenzen, dann entscheiden – alternde Elektronik als Störquelle spricht für das Vorziehen der Migration. |
| Umbau oder mechanische Modernisierung steht ohnehin an | Steuerungsmigration in dasselbe Stillstandsfenster legen – ein Engineering, ein Stillstand statt zwei. |
| Unkritische Einzelanlage, Ersatzteile bevorratet, Archiv verifiziert | Migration ist terminierbar. Die Bestandsaufnahme lohnt trotzdem früh – sie liefert den Vorlauf, falls sich die Lage ändert. |
Quellen & weiterführende Informationen
- Siemens Industry Online Support – verbindliche Produkt- und Abkündigungsmitteilungen je Bestellnummer
- Siemens: Abschied nehmen von der SIMATIC S7-300 – Hintergrund zum Produktauslauf der S7-300-Familie
- Siemens Migration Guide S7-300/400 nach S7-1500 – offizieller Leitfaden für die TIA-Migration